Ich gegen das Web

Der Blog von jemanden der gegen das Web kämpft.

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Sebastian schreibt hier manchmal über seinen Kampf gegen das Internet. Wer da wohl gewinnt?

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Mein Versuch auf Amazon zu verzichten. Und welche Alternativen es gibt.

Wie und warum ich aufgehört habe bei Amazon einzukaufen.

mein-versuch-auf-amazon-zu-verzichten

Ich bin seit vielen Jahren Kunde bei Amazon. In dieser Zeit habe ich wirklich eine menge Dinge dort gekauft. Entweder direkt bei Amazon oder über einen Händler, welcher bei Amazon auf dem Marketplace aktiv ist. Waren es im Jahr 2008 noch vier Bestellungen, führt eich im Jahr 2020 insgesamt 281 Käufe durch.

Meine Bestellungen aus dem Jahr 2008Bewerbungsbücher und ein Handy! 2008 war ein klasse Jahr für mich.

Konsument und Amazon-jüngling!

Waren es in den "Anfangsjahren" noch Dinge, die ich wirklich benötigte, kaufte ich im Jahr 2020 schon viel Blödsinn. Irgendwann war der Punkt erreicht, dass ich selbst Kleinigkeiten und Dinge des täglichen Bedarfs bei Amazon bestellte. Ich bin ganz ehrlich: Heute etwas bestellt und es morgen oder spätestens übermorgen schon im Briefkasten zu haben - ein Traum! Spätestens mit der Einführung der DHL Packstationen und den Amazon Packstationen, war ich ein Amazon-Opfer.

Natürlich war mir immer bewusst, dass Amazon ein Unternehmen ist, dass sehr stark auf Profit achtet und andere Mitbewerber verdrängt. Ich wusste nicht zuletzt auch dank investigativer Journalist:innen, dass bei Amazon vieles im Argen liegt. Spätestens durch die Dokumentation von Mirko betrachtete ich Amazon kritisch. Es änderte aber nichts an meinem Konsumverhalten. Und dafür gab es drei wesentliche Gründe: 

  1. Das Angebot von Amazon ist nahezu unerschöpflich. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Egal ob Elektronikartikel, Buch oder Kostüm für den Karneval: Amazon hat es. Und Amazon lässt es mich auch finden. Denn die Suche bei Amazon ist grandios.
  2. Die Produkte waren immer günstiger als bei anderen Seiten. Zumindest den Seiten, die ich so kannte. Egal ob Media Markt oder der Hersteller von Sportequipment: Bei Amazon gab es nahezu immer den wirklich günstigsten Preis.
  3. Der Versand! Ich hab es ja oben schon beschrieben. Am Montag bestellt, am Dienstag war der Paketbote schon da. Teilweise (während meiner Zeit in München, Köln oder Hamburg) auch schon Abends mit dem Amazonboten via Same Day.

Der Weg zur Einsicht.

Irgendwann begann das Jahr 2020. Und dann kam irgendwann Corona. Wie vielen anderen wurde ich durch die Pandemie zwangsläufig dazu "gezwungen" mehr Zeit in den heimischen vier Wänden zu verbringen. Und dies hatte zur Folge, dass ich mehr Zeit im Internet und mehr Zeit beim Online-Shopping verbrachte. Seit vielen Jahren war ich Mitglied bei der Plattform MyDealz. MyDealz ist eine "Deal-Sharing-Community". D.h. hier könnten Nutzer:innen Angebote, ganz gleich ob offline oder online, veröffentlichen. Früher nutzte ich dies besonders dann, wenn ich nach Angeboten für spezielle Dinge suchte. Brauchte ich ein Fahrrad, schaute ich zuerst bei MyDealz vorbei, ob es da ein Angebot gab. Meistens war dies der Fall. Und im Jahr 2020 fiel mir dann irgendwann auch mal auf, dass es fast nur noch Deals von Amazon waren, die am Ende einer solchen Recherche standen.

Im März gab es dann die ersten Berichte darüber, wie erfolgreich Amazon wirklich ist bzw. wie viel erfolgreicher Amazon dank Corona wurde.

Amazon-Meldung im März 2020Der erfolgreiche Jeff von Amazon (Quelle n-tv.de

Bei n-tv schrieb zum Beispiel Wolfram Weimer, dass die "[...] Geschäfte boomen wie noch nie, [und] das Unternehmen will auf einen Schlag 100.000 neue Mitarbeiter einstellen [...]". Zu dieser Erfolgsmeldung gehörte aber auch die ganz wesentliche Information, dass Jeff Bezos "[...] in nicht einmal zwei Wochen um gut 10 Milliarden Euro reicher geworden [ist]. Kein Mensch auf der Welt hat mehr vom Coronavirus profitiert als der ohnedies reichste Mann der Welt. [...]".

Geben ist seliger als Nehmen?

Auch wenn sich das in der Zwischenzeit (Stand 01/2021) wieder geändert hat, kann konstatiert werden, dass Bezos jede menge Geld hat und Corona ihm nicht schadete. Anderen dagegen schon: Mitarbeiter:innen und Lieferant:innen mussten dem Druck, der durch Amazon auf sie ausgeübt wurde, nun auch vor dem Hintergrund von Corona standhalten. Lächerlich wurde es dann, als Bezos den Amazon Relief Fund initiierte. Denn der reichste Mann der Welt bat doch tatsächlich die eigenen Mitarbeiter:innen um Spenden!

Bei Snopes ist wunderbar zusammengetragen, was genau eigentlich passiert war. Mich brachte diese Geschichte dann tatsächlich zum Umdenken. Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, dass in einer so schweren Zeit so wenig Menschlichkeit in einem so mächtigen und potenten Unternehmen gelebt wurde.

Eventuell ist es noch interessant anzumerken, dass ich einige Freunde habe, die bei Amazon arbeiten. Allerdings in leitender Position. Und ja, wer gut qualifiziert ist, hat bei Amazon unglaublich tolle Aufstiegschancen. Am Ende geht dies aber auf die Kosten der schwachen unqualifizierten, die oft in einem Kreislauf feststecken, aus welchem sie nicht mehr herauskommen. Am Ende des Tages ist alles, was an Amazon toll ist (egal ob für Kunden:innen oder Mitarbeiter:innen), nur möglich, weil es viele Menschen gibt, die durch Amazon mehr oder weniger in prekären Beschäftigungsverhältnissen verstecken und für einen Apfel und ein Ei schuften.

Bisschen weniger Scheiße sein beim Onlinekauf.

Die Motivation war also da. Und sie war dieses Mal ausreichend groß, dass ich versuchte ein bisschen weniger scheiße zu sein, wenn ich im Internet auf Shoppingtour ging. Ganz auf das Einkaufserlebnis im Internet zu verzichten funktioniert leider nicht. Natürlich wäre es grundsätzlich besser vor Ort in Geschäften einzukaufen. Aber folgende Probleme habe ich:

  1. Während Corona war vieles geschlossen und es gab keine Möglichkeit dort einzukaufen. Nicht nur gab es keine wirkliche Kontaktmöglichkeit - ich wusste auch nicht was wirklich vorrätig ist.
  2. Gewisse Dinge sind einfach nicht zu bekommen. Entweder führt das Geschäft jenes Produkt nicht im Sortiment oder es passt einfach nicht. Dabei geht es mir nicht um Attribute wie Farbe oder Geschmack. Es geht mir um Aspekte wie Nachhaltigkeit und Funktionalität. Was bringt es mir, wenn ich versuche ein bisschen weniger Scheiße zu sein und dann doch das T-Shirt aus der Kinderarbeit kaufe? Was bringt es mir, wenn ich versuche ein netter Mensch zu sein und dann doch auf Materialien zurückgreifen muss, die schlecht für die Umwelt sind?
  3. Der Preis ist oft viel zu hoch. Mir geht es im Vergleich zu vielen anderen Menschen sehr gut. Aber auch ich muss bei bestimmten Dingen auf den Preis schauen. Ich schaue mir ein Produkt an und das Verhältnis von Preis zu Leistung muss gerechtfertigt sein. Mir geht es dabei nicht um Mehrkosten von 10 oder 15 Prozent. Aber wenn ich offline teilweise den dreifachen Preis zahlen soll und das Produkt qualitativ schlechter ist, dann ist es für mich keine Option. Ein Beispiel: Verlängerungskabel. Ich benötigte ein Kraftstromkabel. 40 Meter sollten es werden. Im Baumarkt vor Ort: maximale Länge 15 Meter und je 10 Meter der Preis von 40 €. Online - nicht bei Amazon - für 45 Meter 90 €.

Richtige Balance zwischen Offline und Online finden.

Was bleibt mir also am Ende des Tages? Eigentlich nur zu versuchen in den richtigen Augenblicken die richtige Entscheidung zu treffen. Dies bedeutet für mich, dass ich bei Dingen bei denen ich denke, dass es diese im lokalen/regionalen Einzelhandel gibt auch dort kaufe. Und dabei zahle ich halt darauf. Ich investiere Zeit (im besten Fall kann ich mit dem Fahrrad fahren, im schlechtesten muss ich das Auto nehmen) und Geld, habe aber das Gefühl bisschen besser zu sein als früher. Wenn aber die Mehrkosten (besonders wenn der Preis, weit jenseits der 30 Prozent liegt) zu hoch sind, schaue ich mich online um.

Und wenn ich heute online Shoppe, dann versuchte ich auf folgende Dinge zu achten:

  1. Nachhaltigkeit: Lieber etwas qualitativ höherwertiges Kaufen, dass im besten Fall besser für die Umwelt ist als ein Vergleichsprodukt. Na klar kostet dies mehr, aber ich hoffe davon auch länger etwas zu haben.
  2. Regionalität: Ich versuche erstmal in Deutschland oder der EU zu kaufen. Ich will nicht Amazon mit Alibaba substituieren. Also erstmal bei den Herstellern direkt nachgesehen, ob die meine Produkte auch verkaufen. Eventuell kostet dies auch mehr - aber ich hoffe so die regionale Firma zu unterstützen. Auch wenn dies nicht immer funktioniert (Schlagwort Elektroartikel, die eh alle aus China importiert werden), erhoffe ich mir dadurch ein wenig humaner beim Einkauf zu sein.
  3. Zeit: Ich bin bereit zu warten. Ich weiß, dass es beim kleinen Betrieb eben länger dauert bei der Bearbeitung meiner Bestellung. Wenig Automatisierung, viel Handarbeit: Da muss ich halt warten. Ich bin also bereit hier meine Zeit zu investieren.

Praktische Online-Shopping-Tipps

Und jetzt zum praktischen Teil. Wenn ich etwas brauchte, dann muss ich länger suchen. Folgende Tipps habe ich, damit trotz Amazon-Boykott ein guter Preis am Ende steht.

Hosensuche mit Google-ShoppingWelche Hose soll es sein? Google hilft da schon sehr gut weiter.

Am Anfang steht natürlich immer die Frage der Nachhaltigkeit! Und da ist es absolut wesentlich zu entscheiden, ob es überhaupt ein Neukauf sein muss. Wenn es auch gebraucht sein darf, dann schaue ich immer zuerst bei Ebay-Kleinanzeigen und eBay vorbei. Wenn es neu sein muss (oder sich bei Ebay-Kleinanzeigen und eBay nicht finden lässt), geht das Shopping weiter.

Als Nächstes das geeignete Produkt finden. Kaufe ich ein ganz bestimmtes Produkt? Sagen wir mal Adapter für eine technische Anlage? Oder ist es ein generelles Produkt wie eine Hose? Davon hängt ab, was und wo ich suche. Wenn ich nicht genau weiß, was ich will, dann nutze ich Google Shopping um zum perfekten Produkt zu gelangen. Bei der Hose würde ich Schlagwörter wie "hose fairtrade co2 neutral" eingeben und mir die Ergebnisse anschauen. 

Irgendwann habe ich dann ein Produkt gefunden, welches ich haben will. Dann schau ich noch einmal kurz beim Google Preisvergleich vorbei.

Ab zum Preisvergleich

Dort kann ich mich dann durch einige Websites klicken. Eventuell ist ja ein lokaler Einzelhändler aus meiner Umgebung dabei. Wenn nicht, lässt sich vermutlich ein Anbieter aus Deutschland finden.

Zusätzlich schaue ich noch bei einer Meta-Preisvergleichssuchmaschine vorbei. Manchmal kommt dabei auch noch ein besseren Preis bei rum oder ich finde einen besseren Anbieter.

Es ist zu beachten, dass weder Google-Shopping noch Preisvergleichsportale immer alle Websites finden oder auflisten. Und nicht jeder Eintrag dort ist auch seriös. Manche Website ist auch nur Abzocke. Wer sich aber ein wenig mit den Preisen beschäftigt, wird schnell die schwarzen Schafe erkennen lernen.

Eigentlich wollte ich nur loswerden, dass ich seit fast 2 Monaten nicht mehr bei Amazon eingekauft habe. Auch die Weihnachtsgeschenke sind anderswo erworben worden. Ob ich die Welt besser gemacht habe? Eher nicht. Aber ich hab es zumindest versucht.

Januar 10, 2021

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